Als interdisziplinäres Projekt versammelt „2029“ Zukunftsentwürfe rund um künstliche Intelligenz und totalitäre Ideen.

Mutmaßungen darüber, wie unsere Zukunft einmal aussehen könnte, ist seit jeher nicht nur Domäne der Forschung und des Films, sondern auch der Literatur. „2029“ ist als Erzählband ein gleichsam interdisziplinäres Projekt: Nicht nur werden drei Erzählungen aus „2029“ für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verfilmt, es bestehen auch Verbindungslinien zum Futurium, dem Berliner „Haus der Zukünfte“, in dem öffentlich Zukunftsmodelle und -ideen aus verschiedenen Perspektiven verhandelt werden. „2029“ knüpft mit insgesamt elf Autor/innen wie z. B. Emma Braslavsky, Clemens J. Setz oder Simon Urban an durchaus gängige Zukunftsideen eher dystopischer Prägung an.

Nahezu alle Erzählungen sind gebunden an technische Entwicklung, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz, die das Zusammenleben der Menschen oder die Gesellschaft im Ganzen radikal verändern. So erfindet Emma Braslavsky die Hubots, humanoide Roboter, die als perfekt konfigurierte Beziehungspartner von menschlicher Interaktion lernen. In Dirk Kurbjuweits Erzählung wird ein voll ausgestattetes Smart Home als Waffe gegen das Ehepaar genutzt, das sich in ihm aufhält. Auch Karl Wolfgang Flender erfindet in seinem Text mit dem Anästhesieautomaten Amadeus ein Gerät, das in den falschen Händen lebensgefährlich sein kann. In den Erzählungen sind es selten die Maschinen selbst, die gegen die Menschen rebellieren, sondern noch immer die Menschen, die sie durch Hacking umfunktionieren. Ein anderer Komplex der Erzählungen betrifft die massenhafte Datenerhebung und deren inhärente Gefahr, totalitäre Systeme auszubilden: In Vea Kaisers Erzählung haben Selbstoptimierung und eine kompromisslose Gesundheitsdoktrin zur Aussiedlung all derer geführt, die sich dem staatlich verordneten Kurs nicht unterordnen wollten. Über allem schweben grundlegende Fragen: Welche Grenzen sollten wir als Gesellschaft besser nicht überschreiten? Müssen wir alles tun, nur weil wir es können? „2029“ versammelt vielstimmige Ideen zu den Zukünften, in denen wir leben könnten.

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Stefan Brandt, Christian Granderath, Manfred Hattendorf (Hg.):
„2029 – Geschichten von morgen“ (Suhrkamp),
521 S.


Erschienen in Buchkultur 187, veröffentlicht am 5. Dezember 2019.