Kafkas würdigster Nachfolger: Mircea Cărtărescu und sein gewaltiges Romanopus „Solenoid“ sprengen die Dimensionen herkömmlicher Literaturkritik. Eine metaphysisch-ethische Reise zu den letzten Dingen. Verrückt, wahnwitzig, surreal, großartig erzählt. Foto von Leonhard Hilzensauer/Zsolnay Verlag.

Buchkultur: Haben Sie nach der „Orbitor“-Trilogie gedacht, dass Sie jemals wieder etwas in jeder Hinsicht so Großes, Bedeutendes wie „Solenoid“ schreiben, erschaffen würden? Ich habe das Gefühl, dass das Buch einen besonderen Stellenwert in Ihrem Werk einnimmt.

Mircea Cărtărescu: Nun, „Orbitor“ ist eigentlich kein Buch, sondern eine große und umfassende Karte meines Gehirns (was bedeutet: eine Karte meiner Welt). Ich brauchte vierzehn Jahre, um es zu vollenden. Es ist 1500 Seiten lang (auf Deutsch noch länger, Anm. d. Red.). Während dieser vierzehn Jahre schrieb ich auch viele andere Bücher, zwischen den Bänden meiner Trilogie. Also könnte ich sagen, dass es eine „Orbitor“-Epoche in meinem Leben gab. Nachdem ich sie beendet hatte, habe ich drei oder vier Bücher verfasst, ehe ich anfing, Solenoid“ zu schreiben. Es war eine radikal andere Erfahrung für mich: „Orbitor“ ist horizontal, dreiteilig, barock, ein überlebensgroßes Panorama unseres Universums. „Solenoid“ ist vertikal wie eine Rakete, bereit zu fliegen und in den Wolken zu verschwinden. „Orbitor“ ist surrealistisch und postmodern, „Solenoid“ ist dunkel, reif, schwer, eine ethische und metaphysische Auseinandersetzung. In „Orbitor“ bin ich die Hauptfigur. In „Solenoid“ ist es die menschliche Natur. Zusammenfassend gesagt: Die zwei Bücher (zu denen ich meine kleine Erzählung „Travestie“ dazuzählen würde) sind so unterschiedlich wie nur möglich, aber sie sind Teile desselben Architektur-Ensembles, wie Brunelleschis Dom und Giottos Campanile in Florenz.

In „Solenoid“ geht es um die letzten Dinge, die vierte Dimension. Erreichen wir die Wahrheit nur über die Literatur und Kunst? Transzendiert die Literatur die Realität, die uns umgibt? Glauben Sie, dass nur Literatur und Kunst das können?

Wie die Mathematik, die Naturwissenschaft, die Philosophie oder die Theologie ist die Kunst (inklusive der Literatur und besonders der Poesie) eine Form des Wissens. Ich schreibe in erster Linie keine Bücher zur Unterhaltung. Meine Bücher, zumindest einige von ihnen, sind reines Wissen, was nicht heißt, dass sie nicht unterhaltend sind (ich bin überhaupt kein Snob oder elitär). Ich liebe es, mir Gedanken über die Natur der Wirklichkeit zu machen, über die Bedeutung des Wortes „sein“, aber auch über unser Schicksal in der Welt. Sind wir real? Ist die Welt real? Und was bedeutet es, wirklich zu sein? In „Solenoid“ ist „real“ ein anderes Wort für „Schmerz“. Kein Schmerz, keine Realität. Ich bin als Leser ein Allesfresser, ich lese viele wissenschaftliche Bücher. Eine meiner Leidenschaften ist die Quantenphysik, in der es keinen Unterschied zwischen Wissenschaft, Poesie und Philosophie mehr gibt. Ich liebe es, sehr unterschiedliche und unerwartete Bücher zu schreiben. Ich liebe den Akt des Schreibens selbst. Ich schreibe nur mit der Hand, wie in den alten Zeiten, es ist intimer und eleganter …

„Solenoid“ beginnt damit, dass der Ich-Erzähler über seine Kindheit reflektiert: seine Milchzähne, die Zöpfe, die Photos. Wie wichtig war, ist die Kindheit für Sie? Ist sie der Ausgangspunkt Ihres Schreibens? Wie wichtig ist es, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen? Sind Kinder näher an der Poesie?

Ich interessiere mich nicht allzu sehr für die Erwachsenen. Die Erwachsenen sind meiner Meinung nach als Charaktere nicht interessant. Die Menschen, anders als bei der Metamorphose der Schmetterlinge, beginnen als Schmetterlinge und verwandeln sich dann in Raupen. Die Kinder sind fantastische und poetische Schmetterlinge, geflügelte Wesen, anmutig und grausam. Auch die Jugendlichen sind in ihrem „Bardo“-Zustand (tibetisch für „Zwischenzustand“, Anm. d. Red.) extrem interessant: Sie schweben zwischen Kindheit und Erwachsensein wie in einem magischen Kunststück im Zirkus. Aber die Erwachsenen sind die dumpfen Personen, die immer in erotischen Dreiecksbeziehungen leben. Langweilig, langweilig, langweilig. Drei Viertel der Weltliteratur handeln davon. Meine allerbesten Texte handeln, wie die Salingers, von Kindern. In meinem letzten Buch „Melancolia“, das heuer auf Rumänisch erschienen ist, schreibe ich über drei Buben auf der Suche nach einer kindlichen Religion. Drei Arten, die Welt durch Poesie zu enthüllen. Denn Sie haben Recht: Kinder leben innerhalb der Poesie wie das nur die wenigen großen Dichter tun. Die anderen Menschen leben im Exil.

In „Solenoid“ schreiben Sie abermals über Ihren verlorenen Zwillingsbruder Victor (es hieß, dass er als Kind in einem Bukarester Krankenhaus gestorben sei, aber Cărtărescus Eltern bekamen seine Leiche nie zu sehen, Anm. d. Red.). Haben Ihre Eltern, haben Sie nach dem Sturz des Regimes jemals herausgefunden, was damals wirklich geschah? Wie sehr hat Sie das alles geprägt?

Das ist die einzige Frage, die ich nie beantworte. Es ist zu schmerzhaft für mich. Einer unsere besten Poeten sagte: „Die Menschen können nicht zu viel Wirklichkeit vertragen.“ Ich habe einen Apfelbaum in meinem Garten, den ich versehentlich verletzt habe, als er sehr klein war. Jetzt ist er größer als mein Haus und jeden Sommer voller Äpfel, aber die Narbe ist immer noch auf seinem Stamm da und sie wird jedes Jahr größer und größer.

Unter dem kommunistischen Regime war Religion verpönt. Aber in Ihrem Werk spielen die Bibel, Bibelmotive eine große Rolle. Würden Sie sich als religiös bezeichnen? Was bedeutet Erlösung, Rettung für Sie?

Meine Eltern waren Bauern, die in die Stadt verbracht wurden und während der Zwangsindustrialisierung in den Fünfzigern zur Arbeit in Fabriken gesteckt wurden. Es wurde ihnen gesagt, dass es keinen Gott gibt: Schließlich war Juri Gagarin in den Weltraum geflogen und hatte dort keinen gefunden. So wurden sie auf eine naive Weise Atheisten: indem sie die „Heitere Bibel“ lasen und sich über die Stammesväter, Heiligen und die anderen Charaktere, die sie darin fanden, lustig machten. Ich wurde in diesem Geist erzogen, ging nicht in die Kirche, las die Heiligen Bücher nicht. Ich begann die Bibel mit über 30 zu lesen. Ich dachte, es wäre eine Sammlung von Gebeten. Zu meiner Überraschung war dem überhaupt nicht so. Die Bibel zu lesen war ein riesiger Kulturschock für mich. Ich bin sehr glücklich, dass ich sie unvoreingenommen gelesen habe, ohne zu einer Kirche zu gehören und ohne Vorurteile. Andernfalls hätte ich sie nicht als das sehen können, was sie wirklich ist: das Zeugnis des bedeutendsten Ereignisses in der Geschichte und außerdem der größte Roman, der je geschrieben wurde. Und die mächtigste und subtilste Dichtung, die existiert. Und das einzige Buch, das meinem Gefühl nach von seinen Lesern eine Antwort verlangt: ja oder nein. Ich weiß nicht, ob ich religiös bin, ich weiß nicht, was das bedeutet: Was ist der Glaube? Was ist Erlösung? Was heißt es, zu glauben? Ich setze mich stark mit diesen Fragen auseinander und vielen anderen, ich möchte einfach verstehen. Manchmal denke ich, meine Religion ist das: diese Anstrengung, die Welt/das Bewusstsein zu verstehen, das ich „Ich“ nenne.

Wenn ich an das letzte Kapitel in „Solenoid“ denke: Würden Sie sagen, Liebe ist alles, was zählt? Dass sie uns auf eine sehr fundamentale Art vor den verschiedenen Leiden unserer Existenz rettet? Ist die Liebe (und Leben weiterzugeben) die einzige Rettung, Erlösung?

Der Erzähler entscheidet sich, sterblich zu bleiben. Er opfert sein Manuskript. Bedeutet dieses Ende eine Art Wendepunkt in Ihrem Leben?

Der Apostel Paulus sagte, dass die Liebe größer ist als der Glaube und die Hoffnung. Was ein unglaublicher Satz ist. Größer als der Glaube? Aber der Glaube ist die Basis jeder Religion und besonders in Paulus’ Sicht des Christentums. Steht also die Liebe über der Religion? Und über der Hoffnung, die der einzige Grund ist, weshalb Menschen am Leben bleiben? Welche Art Liebe hatte der Apostel im Sinn? Und welche Art Super-Religion kann uns die Liebe bringen? In „Solenoid“ ist die Liebe eine unerwartete Auflösung: Mein Protagonist war früher ein Mystiker ohne Empathie, entschlossen, sich selbst zu retten, die „reale“ Wirklichkeit alleine zu betreten. Aber im letzten Teil hört mein Roman auf, ein metaphysischer zu sein und wird – zu meiner großen Überraschung – ein ethischer. Wenn der Protagonist sich entscheidet, das Kind vor dem Feuer zu retten statt das Meisterwerk, hat er eine Offenbarung: Er erkennt, dass er nicht alleine ist, sondern Teil der Menschheit, mit der er in Liebe verbunden ist. Am Ende öffnet sich das Tor für ihn, aber er lehnt ab: Er wird in der Welt bleiben – mit seiner Frau, seinem Kind und dem Rest der Menschheit. Das ist eine vollkommen neue Auflösung in meinen Büchern. Und ich denke, das spiegelt mein Erwachsenwerden wider, mein Reifen, dass ich zu einer gewissen Weisheit gelange.

Ist die im Buch beschworene Melancholie Bukarests auch die Ihre? Eine Stadt, die durch Jahrhunderte gequält wurde. Wie wichtig ist Bukarest für Ihr Schreiben? Die im Buch geschilderten „Mahner“ demonstrieren gegen Krankheit, Schmerzen, Tod. Darf das auch realpolitisch auf das kommunistische Regime bezogen, verstanden werden? Auf der anderen Seite hat es eine metaphysische Ebene.

Meine natürliche Sprache ist die mehrdeutige Sprache der Poesie. Ich weiß nie ganz genau, was ich meine, wenn ich ein Bild, eine Vision, eine Parabel gebrauche. Meine Parabeln sind offene. Meine Bücher haben keine unmittelbare Ideologie oder Meinung. Es sind sehr große Gedichte, in denen ich versuche, Gefühle auszudrücken: Schrecken, Traurigkeit, Melancholie, Wahnsinn, Freude, Glück. Bukarest ist in diesem Zusammenhang keine Stadt, sondern eine Metapher. Viele Autoren haben einen Lieblingstopos in Form einer mythischen und Traumstadt: Dostojewskis Sankt Petersburg, Borges’ Buenos Aires, Durrells Alexandria … Mein Bukarest hat nichts zu tun mit der realen Stadt. Es ist eine erfundene, eine innerliche Stadt. Ihr Himmel ist mein Schädel. Auch „Solenoid“ ist nicht unmittelbar politisch. Obwohl die Handlung im Bukarest der Achtzigerjahre stattfindet, während des kommunistischen Regimes, gibt es nur vage Anspielungen auf die Diktatur. Das ist deshalb so, weil ich keine Lokalgeschichte, sondern eine universale Geschichte wollte.

Im Buch wird im Tuberkulose-Sanatorium, in das der Ich-Erzähler als Kind eingeliefert wird, jede Nacht ein Zögling, ohne dass dieser etwas davon bemerkt, in einer unterirdischen Klinik einer Manipulation unterzogen. Darf man das als Metapher auf die Realhistorie interpretieren?

Als ich acht war, entdeckten meine Eltern, dass ich Tuberkulose-Keime hatte (wegen der Armut und der sehr harten Lebensbedingungen während meiner Kindheit) und schickten mich in dieses Sanatorium, wo ich zwei Jahre blieb. Es war eine sehr traumatische Erfahrung für mich, denn ich war plötzlich von meiner Familie getrennt, meinen Freunden, meinem normalen Leben. Ich war tatsächlich eine Art kleiner Hans Castorp, der ein seltsames Leben im Zauberberg lebte. Als ich über diese Jahre schrieb, fühlte ich mich überwältigt von Furcht. Ich fühlte, dass die Kinder dort Gegenstand eines finsteren Erlebnisses waren. Und das könnte tatsächlich eine Art Reminiszenz an die ideologische Manipulation während der Diktatur sein, die Erwachsene und auch Kinder indoktrinierte. Aber dass ich der Gegenstand irgendeiner Art von physischer Manipulation war, ist tatsächlich einer meiner schrecklichsten Alpträume. Er verfolgte mich mein ganzes Leben lang. Viele Male fühlte ich, dass mir zu irgendeinem Zeitpunkt etwas sehr Schlimmes widerfahren war, vielleicht in meiner Kindheit. Ich habe Erinnerungen und Träume, die nicht zu meinem Leben gehören, die von irgendwoher sonst kommen … Tatsächlich schreibe ich Literatur hauptsächlich, weil ich herauszufinden versuche, was mir in meinem so seltsamen Leben passiert ist.

Insekten spielen eine wichtige Rolle in Ihren Büchern. Was macht deren (literarische) Faszination aus? Wofür stehen sie? Der Zahnarzt und der Zahnarztstuhl in „Solenoid“ – ein Symbol für den Schmerz –, die vielen Spitalsbesuche, der Aufenthalt im Sanatorium: Mussten Sie das in Ihrer Kindheit erfahren?

Ja, es ist eine Konstellation von Symbolen, Metaphern, Analogien, die in dieselbe Richtung führen: Die Spinnen und die Zahnärzte waren die Dämonen meiner Jugend. Stomatologie (Zahn-, Kiefer- und Mundheilkunde, Anm. d. Red.) in diesen Jahren war eine reine Folter. Die Zahnärzte verwendeten keine Schmerzmittel, man konnte den Schmerz im ganzen Körper fühlen. Wenn man vor der Kabine wartete, hörte man die Schmerzensschreie von drinnen wie aus den Gestapo-Folterzellen. Als kleiner Bub rannte ich viele Male einfach vor dem Zahnarztstuhl weg. Und die Insekten waren überall. Die Luft war voller Fliegen, die Wände – voller Spinnen. Ich war fasziniert von ihnen. Wenn ich kein Schriftsteller geworden wäre, dann wäre ich vielleicht ein Insektenkundler, ein Entomologe. Die Insekten sind das wunderbarste Universum, voller Schönheit, Grausamkeit und Fantasie. In „Melancolia“ stellte ich mir vor, dass sogar die Menschen Metamorphosen wie die Insekten haben, und das Ergebnis war sehr überraschend für mich. Kafka mochte seine Geschichte über die Verwandlung in einen Käfer nie, aber letztendlich wurde es seine berühmteste Erzählung. Einfach, weil die Insekten in sich selbst immer faszinierend waren.

In „Solenoid“ geht es auch um Literatur und Kunst. Es gibt einen anderen Zwillingsbruder: Der berühmte Schriftsteller, der anstelle des Ich-Erzählers literarische Karriere macht.

Nun, ja, das ist auch mein Zwillingsbruder, unglücklicherweise. Ich habe mich immer schuldig gefühlt, ein „Schriftsteller“ zu sein, sprich: das Spiel mitzuspielen. Ich hasse sogar das Wort „Schriftsteller“. Für Ruhm, Bekanntheit, Geld, Preise, um jemand im literarischen Leben zu sein, zu schreiben, ist der Horror, Alptraum und die Schande eines jeden wirklichen Künstlers. Ein Künstler oder eine Künstlerin sollte Schönheit nur um der Schönheit willen schaffen, und nur für sich selbst. Manchmal denke ich, dass sogar der Akt des Publizierens ein beschämender Kompromiss ist. Es ist wie aufs Dach zu klettern und jedem zuzurufen, dass man einsam, unglücklich oder voller Liebe ist. Publizieren, um Auszeichnungen zu kämpfen, ist der obszöne Teil eines Schriftstellerlebens. Ich lobe nur die wirklichen Einzelgänger, sehr wenige, die ihre Manuskripte vernichteten und ein anonymes Leben führten wie Henry Darger oder Kafka. Unter diesem Gesichtspunkt ist „Solenoid“ auch eine harsche Satire gegen Schriftsteller und Literatur, ein anti-literarisches Manifest.

Ich musste auch sehr lachen bei den Passagen, in denen Sie den heutigen (kommerziellen) Literaturbetrieb beschreiben. Was fordern Sie von sich selber als Schriftsteller? Was ist „echte“ Kunst, Literatur?

Manchmal glaube ich, dass ich einer der letzten Schriftsteller auf dieser Welt bin. Ich bin nicht grundsätzlich gegen „Populärliteratur“: Ich lese selber Tonnen von Science-Fiction-Büchern, Krimis und so weiter. Ich bewundere einige der „populären“ Autoren wie Philip K. Dick oder Michael Crichton wirklich. Die Mischung aus hoher Literatur und der „kommerziellen“ ist manchmal eine sehr gute Sache. Aber in den letzten Jahren wurde die aggressiv beworbene Schundliteratur unerträglich, jenseits der Grenzen des gesunden Menschenverstandes. Es ist, als ob einem ins Gesicht gelogen, betrogen und geschmeichelt wird, ohne Scham und Gewissensbisse. So sind die meisten Kinofilme, so ist die meiste Musik. Pure Prostitution, pure Pornografie. Man muss sein Gehirn schon zu Hause lassen, wenn man sich dafür entscheidet, das gut zu finden. Die populäre Kunst erstickt heutzutage die wirkliche, wie das Unkraut den Weizen im Weizenfeld. Aber was habe ich damit zu tun? Mein Credo ist einfach, wenn auch utopisch: Jeder Schriftsteller sollte ein Prophet sein, jedes Schreiben sollte ein Evangelium sein.

Sie schrieben anfangs Lyrik. Kurz nach dem Fall des Ostblocks wandten Sie sich dann der Prosa zu. In Ihrem Gedicht „Der Westen“ schrieben Sie über einen Wendepunkt in Ihrem Leben, über eine kreative Krise. Gibt es irgendeine Art der Korrelation zwischen diesen beiden Ereignissen: Dem Ende des Ostblocks und Ihrer Hinwendung zur Prosa?

In meiner Jugend schrieb ich zur selben Zeit Lyrik und Prosa. Mein erstes Prosawerk „Nostalgia“ kam 1989 heraus, vor der Rumänischen Revolution, und ich schrieb davor und danach Lyrik. Aber eines Tages im Jahr 1993 entschied ich mich, die Lyrik endgültig zu verlassen. Es war wie die Entscheidung, das Rauchen aufzugeben: plötzlich und ohne Rückfälle. Warum ich mich so entschieden habe? Zuerst einmal, weil ich bereits einen riesigen Korpus an Lyrik geschrieben hatte. Die Menschen in meinem Land kennen mich immer noch hauptsächlich als Lyriker. Meine gesammelten Gedichte sind über 1000 Seiten lang. Zu einem bestimmten Zeitpunkt entschied ich einfach, dass das genug sei. Und dann auch, weil ich Dinge im Sinn hatte, die großen Raum brauchten, um entwickelt zu werden. „Orbitor“ oder „Solenoid“ sind komplexe Textgebilde, die man unmöglich in Gedichtform komprimieren kann. Die Anzahl der Seiten in einem Buch ist nicht beliebig, sie beeinflusst den „Sound“ des Geschriebenen. Die Violine erzeugt einen bestimmten Klang, die Viola einen anderen, das Cello wieder einen anderen. Prosa ist der Lyrik an Intensität unterlegen, aber, was Umfang und Länge betrifft, sehr viel überlegener. Beim Schreiben dieser Bücher versuchte ich, Intensität und Umfang, Poesie und Prosa in einer einzigen Formel zu verknüpfen. Diese ganze Diskussion hat wenig Verbindung mit den Revolutionen des Ostblocks. Eine bloße Revolution ist nicht genug, um meinen Stil zu ändern.

Sie sagten einmal, dass die politische Klasse in Rumänien ausnahmslos korrupt sei. Wie geht es Rumänien heute, kurz vor den Präsidenschaftswahlen im November? Was erhoffen Sie sich?

In den letzten zehn Jahren war ich sehr viel in zivile und politische Proteste gegen die politische Klasse meines Landes involviert. Ich engagierte mich auch in Menschenrechtsbewegungen, ich schrieb über die Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen und Roma in Rumänien. Ich schrieb Bücher über unser politisches System, das man eine „Kleptokratie“ nennen kann: Die Leute gehen in die Politik, nur um reich zu werden. Indem sie Politiker werden, manipulieren sie die Mittel des Landes auf eine illegale und unethische Weise. Dennoch: Der EU-Beitritt Rumäniens war ein großer Fortschritt im Leben der Menschen. Die letzten zwei Jahre zeigten, dass die Menschen reifer geworden sind, sich ihrer Rechte und ihrer Macht bewusster, politisch gebildeter. Der Versuch der politischen Klasse, wieder ein autoritäres Regime zu errichten und sich die Justiz zu unterwerfen, traf auf eine sehr starke Opposition. Ich nahm an allen Straßenbewegungen teil und ich versuchte, ein Meinungsmacher zu sein. Nun ist der Möchte-gern-Diktator in Haft, und eine neue politische Klasse entsteht, die uns eine gewisse Hoffnung für die Zukunft bringt.

Sie sind ein starker Befürworter der europäischen Idee. Leider werden in vielen Ländern Europas nationalistische und rechte Parteien stärker und stärker. Sie nutzen die Angst der Bevölkerung vor der „Flüchtlingskrise“ aus. Haben Sie Angst vor dieser Entwicklung?

Nein. Ich glaube, dass die anti-demokratische Welle ziemlich bald verebben wird. Denn sie ist keine echte, sondern eine künstlich provozierte. Europa widerstand all den Anfechtungen – vom Grexit über den Brexit bis zur Krim-Krise und Putins hybriden Krieg und Trumps Wirtschaftskriegen –, und gab nicht auf. Im Gegenteil, es lernte daraus. Die Welle des Populismus wurde von den Politikern gebracht, die die Angst der Menschen ausnutzten. Aber wir befinden uns heute nicht in der Hitlerzeit, wir leben in der Ära des Internet. Das verändert alles. Ich glaube, die Menschen werden die Lügen und Manipulationen bald satthaben und genug davon haben. Tatsächlich sind nicht die Immigranten, sondern Donald Trump ist nun die große Herausforderung und Überraschung für Europa. Der Präsident der USA nannte die Europäer „Feinde“ (im Handelskrieg), und das ist beängstigend. Denn die EU braucht die USA, damit ihre Sicherheit gewährleistet ist. Traurigerweise ist Donald Trump heute genauso gefährlich für das vereinte Europa wie Vladimir Putin.

Sie schrieben „Orbitor“ mit der Hand in spezielle Notizbücher. Es ist ganz außergewöhnlich, dass Sie fast keine Korrekturen machen. War es bei „Solenoid“ genauso? Ist das Schreiben mit der Hand authentischer, entscheidend für Sie?

Ja, ich schreibe mit der Hand und mache keine Korrekturen, weil ich es nicht mag, wenn auf meinen Seiten Tintenflecken und mit Tinte durchgestrichene Wörter sind. Ich liebe es, wenn meine Manuskripte so sauber wie möglich sind. Ich reiße niemals eine Seite aus oder füge eine hinzu. Ich habe meine Notizhefte zuhause und sie beweisen, dass das wahr ist. Mein Verleger bekommt meine Notizbücher und dann transkribiert sie jemand in den Computer. Dann gehen sie direkt in die Druckerei, ohne dass sie lektoriert oder korrigiert werden. Bei einem meiner Bücher dauerte es nur zehn Tage vom Verschicken des Manuskripts an den Herausgeber bis es in den Buchhandlungen war. Ich habe immer so geschrieben. Ich weiß, dass ich nicht scheitern kann. Es ist eine Art religiöses Vertrauen in meine Schreibkraft. Ich habe niemals einen Ausgangsplan, ich schreibe jede Seite ohne zu wissen, wohin es mich verschlägt, sogar in der Mitte eines tausendseitigen Buchs. Ich weiß nur, dass ich ankomme. Ich liebe es einfach, mich selbst mit meinen kleinen Entscheidungen auf jeder Seite zu überraschen.

Sie glauben nicht an den „realistischen Roman“, an einen „Plot“. Machen Sie einen Unterschied zwischen Realität und Fiktion, Traum und Wirklichkeit? Sie träumen viel? Wie wichtig sind Träume für Sie?

Sie irren sich. Ich glaube sehr stark an den realistischen Roman, ich halte mich selbst für einen realistischen Autor. Aber einen, der sich nicht so sicher ist, was die Realität ist. Denn in der Realität geht es nicht um jene erotischen Dreiecksbeziehungen, die ich erwähnte, nicht um Häuser, Bäume und Autos. Realität ist das, was man sieht, fühlt, träumt, sich vorstellt. Die Surrealisten waren größere Realisten als Balzac. Joyce ist viel realistischer als Tolstoi. Meine Romane haben immer eine realistische Ebene. In „Solenoid“ gibt es viele Seiten, die das Leben an einem Gymnasium in sehr realistischen Begriffen beschreiben. Ein Flugzeug muss eine Zeitlang auf der Startbahn rollen, um abheben zu können. Genauso ist es bei meinen Büchern: Je länger sie rollen, desto höher fliegen sie. Um ein aus der Traumwelt schreibender, der Traumwelt zugehöriger Schriftsteller zu sein, muss man einigen festen Boden unter seinen Füßen haben.

Wie wuchsen Sie auf? Sie waren der Erste Ihrer Familie, der studierte? Waren, sind Ihre Eltern stolz auf Sie und Ihren Erfolg?

Nun, ich war ein normales Kind mit einem Arbeiterklasse-Hintergrund. Mein Vater war ein einfacher Arbeiter, der später Journalist wurde. Meine Mutter arbeitete eine Zeitlang in einer Kleiderfabrik und gab dann ihren Job auf, um meine Schwester und mich aufzuziehen. Wir hatten zu Hause keine Bücher. Ich machte mir meine eigene kleine Bibliothek, als ich ein Schüler war. Ich hatte nichts Besonderes an mir, ich war schüchtern und zurückgezogen. Ich begann mit siebzehn Gedichte zu schreiben, als ich auch Tagebuch zu führen begann. Dann ging ich auf die Fakultät für Philologie in Bukarest, wo ich heute unterrichte, und begann zu veröffentlichen. Meine Eltern waren nie große Fans meiner Bücher. Tatsächlich waren sie nicht erfreut darüber, zu sehen, dass ich über sie schrieb. Sie verboten es mir sogar (aber ich konnte nicht gehorchen). Meine Mutter ist nun neunzig Jahre alt. Sie liest meine Bücher nicht, aber sie ist ziemlich stolz, wenn sie mich im Fernsehen sieht …

Ich habe zwei Töchter im Gymnasium. Leider wird der Literatur und dem Literaturunterricht im Lehrplan nur mehr eine marginale Rolle zugedacht. Die Schüler müssen Leserbriefe, Kommentare, sogenannte „Textsorten“ verfassen. Und wenn man mehr als 600 oder 900 Wörter (bei der Matura) schreibt, müssen laut Lehrplan Punkte abgezogen werden. Was sagen Sie dazu? Welche Folgen wird das haben?

Das ist ein globales Bildungsproblem. Wir sind in einer gewaltigen Veränderung gefangen, vielleicht der größten seit der Agrarrevolution. Wie die Gesellschaft als ganze ist auch die Schule in einem völligen Zusammenbruch begriffen. Niemand weiß mehr, wie man Menschen unterrichtet, ausbildet. Die Kinder lesen nicht mehr. Ich habe einen sechzehnjährigen Sohn, er ist fünfzehn Zentimeter größer als ich, gutaussehend (wie ich es nie war) und sehr intelligent. Er hört sich oft einige Blogger auf dem Smartphone an, textet viel, aber liest nicht allzu viel, obwohl er zuhause eine große Bibliothek hat. Aber die neuen Technologien, die Medien und die sozialen Netzwerke haben uns alle verändert, nicht nur die jungen Generationen. Es ist schade, dass mehr und mehr Menschen sich vom Bücherlesen abwenden. Der Vorgang des Lesens ist die komplexeste und umfassendste Erfahrung, derer das menschliche Gehirn fähig ist. Die interaktivste. Ein Buch ist eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen Autor und Leser. Ohne große Leser gibt es keine großen Autoren. Die kommerziellen Bücher sind keine wirklichen Bücher. Sie sind nur funktionale Objekte wie Kühlschränke, Autos oder Waschmaschinen. Sie fördern Mediokrität in Stil und Denken. Sie sind anti-demokratisch, weil sie Uniformität erzeugen, Stagnation und Sedierung, nicht Unabhängigkeit und Revolte.

Ihre Verbindung zu Österreich: Sie haben hier einige Zeit gelebt und gearbeitet? Welche österreichischen Künstler, Autoren schätzen, mögen Sie? Hatte Kafka immer schon einen besonderen Platz in Ihrem Herzen?

Ich liebe Österreich, das tue ich wirklich. Ich verbrachte in den Neunzigern ein ganzes Jahr in Wien, ich war Gastprofessor an der Universität. Ich hatte auch irgendwann ein einmonatiges Stipendium in Graz. Mein wichtigster Verleger im Ausland ist der Paul Zsolnay Verlag in Wien. Die österreichische Literatur und Philosophie ist fundamental für mich, unter meinen liebsten Schriftstellern sind Hermann Broch, Heimito von Doderer, Musil und natürlich Kafka. Mein liebster Philosoph, der mich tief beeinflusst hat, ist Wittgenstein. Mein liebster Lyriker unter allen modernen ist Rilke. Und ich darf Freud nicht vergessen. Die Wiener Moderne ist genauso wichtig für die Weltliteratur wie die Englische und Amerikanische Moderne eines Joyce, einer Virginia Woolf, eines Pound und eines T. S. Eliot. Die österreichische Literatur neueren Datums, obwohl eine Nobelpreisträgerin darunter ist, sagt mir nicht so zu, aber vielleicht auch nur, weil ich sie nicht so gut kenne.

Und ich muss Sie das fragen: Als Giacometti gefragt wurde, was er aus einem brennenden Haus retten würde – eine Katze oder einen Rembrandt –, wählte er die Katze. Was würden Sie (natürlich metaphorisch gefragt) retten: das literarische Meisterwerk oder das Kind? Wofür steht dieses Rätsel?

Ja, die Katze zu retten, ist die auf der Hand liegende Antwort, Rembrandts Gemälde fühlt ohnehin keinen Schmerz. Ich habe zwei Katzen, und sie sind Teil der Familie. Ich würde sie auf keine Weise leiden lassen. Wir sind lebende Wesen mit Empathie: Wenn etwas Lebendiges leidet, leiden wir auch. Es ist jedes Mal sehr traurig, wenn ein Meisterwerk zerstört wird (und 99 Prozent von ihnen wurden tatsächlich durch Feuer, Erdbeben und das gnadenlose Fortschreiten der Zeit zerstört). Aber es ist durch nichts zu entschuldigen, ein Lebewesen in Schmerzen und Qual sterben zu lassen, wenn man etwas tun kann, um es zu retten.

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Der 1956 in Bukarest geborene Mircea Cărtărescu studierte Philologie, arbeitete als Gymnasiallehrer und unterrichtet an der Bukarester Universität. Er verfasste Lyrik („Levantul“) und seit 1993 ausschließlich Prosa: „Nostalgia“ beschwört (s)eine Kindheit im Bukarest der sechziger und siebziger Jahre herauf. Es folgten der Roman „Travestie“ und Erzählungen. Mit der „Orbitor“-Trilogie schrieb er Literaturgeschichte. Er wurde vielfach ausgezeichnet: Leipziger Buchpreis, Österreichischer Staatspreis, Thomas-Mann-Preis.

„Solenoid“ (Zsolnay)
Übers. v. Ernest Wichner, 912 S.

„Die schönen Fremden. Erzählungen“ (dtv)
Übers. v. Ernest Wichner, 304 S.