„Deutschlands erfolgreichste Krimiautorin“ („DER SPIEGEL“) einmal (auch) anders: Im Kurzgeschichtenband „In Liebe Dein Karl“ verbindet Ingrid Noll Mörderisch-Witziges mit Gesellschaftskritischem und Berührend-Autobiografischem. Großartig! Foto: Renate Barth

Buchkultur: Sie begannen erst mit Mitte Fünfzig zu schreiben. Weshalb? Sie wollten immer schon schreiben? Was war das für ein Gefühl, als Sie Ihr erstes Buch in den Händen hielten?

Ingrid Noll: Schon als kleines Mädchen sagte ich relativ selbstbewusst: Ich will Kinderbücher schreiben. Auch in der Schule konnte ich mit guten Aufsätzen das Versagen in Mathe ausgleichen. Als ich aber erwachsen wurde, trat dieses Ziel erst einmal in den Hintergrund, die neu gegründete Familie stand im Vordergrund. Den verdrängten Wunsch wagte ich nie laut zu äußern – ich glaubte, mich lächerlich zu machen.

Erst als die Kinder aus dem Haus waren und ich zum ersten Mal im Leben ein eigenes Zimmer besaß, begann ich zu experimentieren. Das erste gedruckte Buch lag in meinen Armen wie ein neugeborenes Kind, ich war unendlich glücklich und stolz.

Ihre Kindheit in China: Wie prägend war sie? Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Nun, ich war fast vierzehn, als wir China verlassen mussten, zwar noch ein halbes Kind, aber mit großem Interesse an Mitmenschen und Umwelt. Soziale Ungerechtigkeiten waren mir durchaus bewusst. Über Jahre hatte ich das Glück oder auch Pech, in keine Schule zu müssen, denn wir wurden von den Eltern unterrichtet. Da blieb viel Zeit für Kreativität, für unsere vielen Tiere, für das fantasievolle Spiel mit den Geschwistern. Ich vermisste allerdings eine Freundin.

Wie haben Sie, Ihre Familie, den Zweiten Weltkrieg aus der Ferne miterlebt?

Meine Eltern waren glücklicherweise keine Nazis, wollten es sich aber in Nanking mit den wenigen Deutschen der Botschaft nicht völlig verderben, deswegen sprachen sie in Gegenwart von uns Kindern nur vorsichtig über ihre Ängste. 1945 mussten die deutschen Parteimitglieder in ein chinesisches Lager und wurden dann „zwangsrepatriiert“, wir dagegen nicht. Als mein Vater eines Tages nach Hause kam und mit ernstem Gesicht sagte: „Der Krieg ist aus!“, fragte ich in völliger Naivität, als handele es sich um ein Spiel: „Gewonnen oder verloren?“ – Den mitleidigen Blick meiner Eltern werde ich nie vergessen.

Es muss eine Art Kulturschock gewesen sein, als Sie 1949 nach Deutschland zurückkehrten. Haben Sie Ihre alte Heimat vermisst? Wie schwer war es, im Deutschland der Fünfziger Fuß zu fassen?

Heimweh hatte ich eigentlich nicht, denn auch unsere Freunde hatten kurz vor dem Einmarsch von Maos Truppen das Land verlassen. Ich freute mich auf Deutschland, auf die unbekannte Verwandtschaft, auf meine märchenhafte Vorstellung von purer Idylle, Fachwerkhäusern, Tannenbäumen, Kuckucksuhren und so weiter. Wir kamen aber als Aliens in ein zerstörtes Land, es gab noch Lebensmittelmarken, unsere Mutter konnte nicht kochen und in der Schule waren wir grottenschlecht. Aber Teenager passen sich zum Glück schnell an, für unsere Eltern war es sicher viel schwerer.

Stille Wasser sind tief. Gilt das auch für Ihre meist weiblichen Helden, die scheinbar nebenher morden? Steckt in uns allen ein potentieller Mörder, eine potentielle Mörderin?

Bestimmt würde jede Mutter (und Großmutter) zum Messer greifen, wenn ihre Brut bedroht würde. In bestimmten Situationen, wenn das Fass überläuft, benimmt sich wohl jeder Mensch nicht mehr rational. Und es gibt sicherlich Situationen, die kaum mehr zu ertragen sind und in denen Mord als einzige Lösung erscheint.

Morden Frauen anders als Männer? Aus anderen Motiven? Sind Frauen die besseren Mörder?

Ich denke, dass sich Frauen nicht so oft erwischen lassen. Sie sind ja meistens die Herrin der Küche, die Pflegerin der Kinder, der Alten und Kranken und haben dadurch raffiniertere Möglichkeiten als plumpe Gewalt.

Ihre Mörderinnen sind oft Frauen, die im Leben zu kurz gekommen sind, die betrogen oder vergessen wurden, und die nun eine Chance sehen, doch noch zu ihrem „Recht“ zu kommen. Wie menschlich ist das?

Das ist überaus menschlich. Überall auf der Welt gibt es Aufstände ganzer Völker, wenn die Ungerechtigkeit überhandnimmt. Meine mordenden Frauen sind auch ein wenig ein Spiegel der Gesellschaft.

Bleiben Verbrechen von Frauen häufiger unentdeckt?

Wahrscheinlich, weil sie raffinierter sind.

Rein hypothetisch gefragt: Wie würden Sie, wenn Sie müssten, jemanden zur Strecke bringen?

Auf keinen Fall im Nahkampf. Lieber von ganz weit weg – mit Gift.

Sie lassen Ihre Täterinnen – zumindest legal – meist ungeschoren entkommen. Weshalb?

Ohne Empathie kann ich meine Protagonistinnen nicht glaubhaft darstellen, deswegen bringe ich es nicht übers Herz, sie hart zu bestrafen.

Ihre großartige Geschichte „Der Obdachlosenkongress“ ist ein Beispiel für unsere von Ängsten, Vorurteilen und falschen Vorstellungen geprägte Gesellschaft, für die Grenzen unserer Hilfsbereitschaft (höflich ausgedrückt), für Europas Situation heute. Sie mussten 1949 China verlassen und verbrachten dann drei Monate in einem Flüchtlingslager in Italien. Wie sehen Sie die Situation heute? Die Situation der Flüchtlinge in Griechenland ist katastrophal. Hat Europa versagt?

Diese Geschichte fiel mir ein, als ich im Urlaub die vielen leerstehenden Ferienhäuser sah und andererseits die Obdachlosen, die unter Brücken schliefen. Meine persönliche Erfahrung mit den Monaten im Flüchtlingslager kann man nicht vergleichen mit dem heutigen Elend. Wir Kinder waren immer mit den Eltern zusammen und haben die Sache ein wenig als Abenteuer angesehen. Ich denke, es muss entsetzlich sein, wenn Familien plötzlich auseinandergerissen werden.

Aber zu Ihrer Frage: Nicht nur Europa, wir alle haben versagt.

„Liebe Mutter“ ist eine Art literarische Liebeserklärung an ihre Mutter. Sie haben Ihre Mutter bis zu deren Tod mit 106 bei sich zu Hause gepflegt. Wie schwer, aber vielleicht auch beglückend, war das? Was können wir von den älteren Generationen lernen (gerade heute, in einer Zeit, die Jugend- und Fitness hochhält)?

Meine Mutter war pflegeleicht, sie konnte gut allein sein und war kein Jammerlappen. Es war deswegen für mich kein Opfer, sondern eine Selbstverständlichkeit, sie bei uns aufzunehmen. Ob man von den Alten lernen kann, hängt daher sehr vom Individuum ab. Wenn man im Alter weise wird, wie es so schön altmodisch heißt, ist es ein Glücksfall.

Was halten Sie von der #MeToo-Bewegung? Eine Bewegung, die viel ins Rollen gebracht hat, aber auch unter heftige Kritik gekommen ist, was die Mittel und Methoden betrifft.

Als Teenager wurde ich von einem betrunkenen Studenten gewaltsam geküsst, das empfand ich als unerhört demütigend und ekelhaft. Ich kann deswegen alle Frauen verstehen, die sich nun zusammentun und wehren, aber man sollte nicht über das Ziel hinausschießen. Schließlich sollten wir die vielen guten Männer lieben und unsere Söhne so erziehen, dass #MeToo nicht mehr nötig ist.

„Mein letzter Tag“ hat mich sehr berührt. Stellen Sie sich wirklich so Ihren letzten Tag vor? Sie sind heute die erfolgreichste deutsche Kriminalschriftstellerin. Was wünschen Sie sich noch? Wie möchten Sie alt werden? Kommt mit dem Alter wirklich die Weisheit?

Nun, dieser kleine Text ist ja nur ein Wunschtraum. Aber ich wäre schon sehr zufrieden, wenn ich eines Tages einfach einschlafe und nicht wieder aufwache. Mein Wunsch ist nicht gerade originell: Noch lange klar im Kopf bleiben, einigermaßen selbständig leben können und anderen nicht auf den Wecker fallen.

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Die 1935 in Shanghai geborene und in Nanjing aufgewachsene Ingrid Noll ist eine einzigartige Stimme in der deutschsprachigen Krimilandschaft. Das Debüt „Der Hahn ist tot“ erschien 1991, da war sie schon Mitte Fünfzig. „Die Apothekerin“ wurde mit Katja Riemann verfilmt. „Die Häupter meiner Lieben“ brachte den Glauser-Preis. Fünfzehn Romane hat sie bisher verfasst (zuletzt „Goldschatz“), außerdem erschienen das Kinderbuch „Der Schweinepascha“ sowie Kurzgeschichten. Sie lebt in Weinheim.

„In Liebe Dein Karl“ (Diogenes), 336 S.