Ein Roman mit konstanter Thrill(er)-Qualität über die Kehrseite eines karibischen Paradieses. Ein nüchternes Familien- wie Gesellschaftsporträt, in dem sich Werte nicht mit dem Gewissen vereinbaren lassen.

Denken wir an die Karibik, so denken wir an weiße Sandstrände, das Meer wie aus dem Bilderbuch und Kokosnüsse, aus deren Schalen Trinkhalme mit bunten Dekoschirmchen ragen. Ein unvergleichbar raues Bild zeichnet Claire Adam in ihrem Roman, wenn sie die karibische Urlaubsidylle in ihr Gegenteil verkehrt und den Inselstaat Trinidad nahe Venezuela so darstellt, wie ihn der Großteil seiner Bewohner auch täglich erlebt: Trotz seiner paradiesischen Schönheit und Naturvielfalt sind die Schattenseiten in einem Sumpf aus Korruption, Kriminalität und Gewalt auszumachen. Religiöser Aberglaube spielt eine nicht bescheidenere Rolle als die vage Flucht in den Alkoholismus, wie die Autorin in „Goldkind“ mit sprachlicher Nüchternheit zur Schau stellt. Nirgendwo anders scheint die Kluft zwischen Arm und Reich so gewaltig, als dort, wo eben einzig und allein das Geld entscheidet – auch über Leben und Tod.

Adam, die selbst aus Trinidad stammt, erzählt die Geschichte des ungleichen Zwillingpaares Peter und Paul Deyalsingh, das Mitte der Achtziger Jahre in einem kleinen (fiktiven) Dorf in der Abgeschiedenheit Trinidads aufwächst. Die Familie lebt in einem kleinen, desolaten Häuschen, kann sich aber – auch Dank finanzieller Zuwendungen wohlmeinender Verwandter – einigermaßen über Wasser halten. Während Paul sich in seiner Freizeit – das Gespött der Leute auf sich ziehend – wie Tarzan durch den Dschungel schlägt und mehr Vertrauen in die Natur setzt als in die Menschen, tut Peter dasselbe gewissenhaft an einem anderen Ort: Mithilfe seiner Schul- und Lehrbücher, die ihn in eine bessere Zukunft, eine bessere Welt geleiten sollen, versucht der hochbegabte Junge, sich seiner gesellschaftlichen Fesseln zu entledigen.

Als Paul, der seinem Vater immer nur Ärger bereitet, Opfer einer Entführung wird, ist die Existenz des Zwillingsbruders dabei von essenzieller Bedeutung. Wie sehr hier die Frage nach dem Wert eines Menschen das Bild göttlicher Gerechtigkeit in den Schatten des irdischen Systems rückt, kommt in der Radikalität des Textes zum Ausdruck.

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Claire Adam, „Goldkind“ (Hoffmann und Campe)
Übers. v. Marieke Heimburger u. Patricia Klobusiczky, 272 S.