Caroline Criado-Perez deckt den vielleicht größten Datenskandal der Geschichte auf: „Unsichtbare Frauen“ beschreibt, wie die Hälfte der Bevölkerung wissenschaftlich nicht erfasst wird und wie sich das auswirkt.

Die Geschlechterungerechtigkeit, sagt Criado-Perez, beginnt schon am stillen Örtchen: Herrentoiletten verfügen über eine höhere Anzahl von Kabinen als Damentoiletten. Weshalb Frauen im Theater oder Kino davor Schlange stehen müssen.Die Welt ist von Männern für Männer gemacht. Wenn wir „Mensch“ sagen, meinen wir den (weißen) Mann. Diese Vorstellung reicht zurück bis in die Antike, die die Frau als „verstümmelten“ Mann begriff. Damit aber drängt man die Hälfte der Weltbevölkerung in eine Minderheitenposition mit einer „Nischenidentität“. Frauen sind in der Geschichte, der Politik und der Kultur unterrepräsentiert und werden nicht oder unzureichend erfasst, wenn es um die Erhebung von wissenschaftlichen Daten geht. Der Großteil unseres Wissens basiert auf männerbezogenen Daten. Algorithmen bevorzugen Männer. Das aber hat teils lebensgefährliche Folgen für Frauen in Medizin, Beruf, Alltag, Stadtplanung, Verkehrssicherheit: Es gibt immer noch keine Gurte für schwangere Frauen. Frauen werden falsch diagnostiziert und falsch behandelt, Herzinfarkte von Frauen nicht als solche erkannt, weil ihre „atypischen“ Symptome nicht denen der Männer ähneln. Medikamente werden überwiegend an Männern getestet und wirken oft nicht oder nachteilig auf Frauen, die mit dem Risiko einer Fehldosierung leben müssen. Frauen erledigen weltweit 75 Prozent der unbezahlten Care-Arbeit. Männer verdienen um ein Vielfaches mehr und bekommen eine höhere Pension. Die unbezahlte Arbeit der Frauen aber könnte in manchen Ländern bis zu 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Frauen(körper) sind unsichtbar, wenn es um Datenerhebung geht, werden aber gleichzeitig hochgradig sexualisiert und Opfer der Gewalt von Männern. Es gilt, die geschlechter- und genderbezogene Datenlücke zu schließen. „Unsichtbare Frauen“ ist ein erster Schritt in Richtung einer Bewusstseinsveränderung, notwendig und unverzichtbar.

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Caroline Criado-Perez, „Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ (btb),
Übers. v. Stephanie Singh, 496 S.