Anschlag auf die offene Gesellschaft: neue Bücher über die Gegenwart, Datendiktatur, Demagogen und fragile Zivilgesellschaften. Wir haben uns durch frische Analysen und Zeitdiagnosen unserer digitalen Lebensverhältnisse gearbeitet. Foto: Randy Colas/Unsplash.com

Empörungskaskaden, intellektuelles Pingpong und Endlosstaffelungen von Repliken. Oder wie Billy Bragg meint: „Wir leben in einer Zeit abschätziger Demagogen, die voller kraftmeiernder Arroganz für eine Keine-Ahnung-Politik stehen, die von Hohn und Gehässigkeit getrieben wird.“ Dem 63-jährigen englischen Singer-Songwriter und Politaktivisten wurde 2018 die Ehre zuteil, die Keynote-Rede beim Flagship-Seminar der Bank of England zu halten. Er sprach über Verantwortung – dieser, plus Liberalität und Gleichheit widmet er nun ein kluges Essay. „Ohne gleichwertigen Respekt für die Rechte der anderen wird aus Liberalität nichts mehr als eine Erlaubnis.“ Neben Liberalität und Gleichheit führt er als dritte Dimension die Verantwortlichkeit ein. Feine Formulierungen finden sich bei ihm: „Wie ein Placebo, mit dem das Hirn überlistet wird, einen Schwung Endorphine auszustoßen, die kurzzeitig ein angenehmes Gefühl hervorrufen, hat der Populismus den Abgehängten wenig mehr zu bieten als den instinktiven Kick der Rache.“ Gegen Ende präsentiert er Lösungsansätze, die eher Appellcharakter haben.

„Wir leben in nervösen Zeiten.“ Diesen Satz liest man zu Beginn von Henrik Müllers Zeitdiagnose „Kurzschlusspolitik“. Müller, vormals leitender Journalist, lehrt Wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund. Er schreibt schmissig, seine Anamnese des „rapiden Strukturwandels der Politik“ – eine Anspielung auf Jürgen Habermas’ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von 1962 –, liest sich flott. Seine Analyse ist pointiert: der Zerfall der Öffentlichkeit, Atomisierung, Abschottung, das Zelebrieren von Ignoranz und autoritärer Staatslenkung. „Diskurs als Entdeckungsverfahren“ setzt Müller dagegen. Ganz richtig attestiert er, dass größeren Teilen der Gesellschaften in der westlichen Hemisphäre Optimismus und Hoffnung auf Aufstieg abhanden gekommen sind, dass Lügen akzeptiert werden, dass politische Apathie Zivilgesellschaften ins Autoritäre abdriften lässt und wie der Überwachungskapitalismus alias „soziale Medien“ zu reglementieren ist. Er plädiert für die Wiederbelebung bürgerlicher Tugenden, Anstand, Höflichkeit und Diskretion. Das ist alles ehrenwert und einsichtig, wobei er viele offene Türen einrennt.

Wie kommt eine Elite-Uniabsolventin wie Brittany Kaiser, die Barack Obama schätzt und nach dem Diplom dringend einen Job benötigte, weil ihre Eltern infolge der US-amerikanischen Finanzkrise ihre Ersparnisse eingebüßt hatten, schon in jungen Jahren zu Memoiren? Sie lernte Alexander Nix kennen, Vorstandsvorsitzender der Politikberatungsfirma SCL. Ein Ableger von SCL war Cambridge Analytica, finanziert von einer reaktionären Milliardärs-Familie. Von 2014 bis 2018 war Kaiser in leitender Stellung bei Cambridge Analytica tätig. Und hat nun ein Schlüsselbuch geschrieben über die Vorgänge, die 2018 aufflogen – mehr als 50 Millionen Datensätzen von Facebook-Nutzern waren manipulativ zur Erstellung von Persönlichkeits- und Wählerprofilen genutzt worden. Dieses aktiv kreierte größte Datenleck in der Historie von Facebook war reine Big-Data-Manipulation. Brittany Kaiser hat ihr Buch auch zur Selbstreinigung geschrieben. Und zur eindringlichen, bestürzenden Warnung.

Carsten Brosda ist sozialdemokratischer Politiker und Senator für Kultur und Medien in Hamburg. Auch wenn er sich redlich müht, die einschlägigen Punkte abzuarbeiten – Diversität und Aufklärung, „zumutbare Wahrheiten“ und „Verantwortung für geraubte Menschlichkeit“, die „Magie der Wahrheit“ und „kulturelle Freiheitsräume“ – Brosda präsentiert überschaubar wenig Neues. Hinzu kommt, dass der Kulturpolitiker von der deutschen Sprache nicht recht zurückgeliebt wird. Dass die essenzielle Rolle der Kultur in der heutigen zerrissenen Debattenkultur hier aus administrativer Warte so gepriesen wird, ist andererseits vieler Ehren wert.

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Billy Bragg, „Die drei Dimensionen der Freiheit“ (Heyne Encore),
Übers. v. Tino Hanekamp, 144 S.

Carsten Brosda, „Die Kunst der Demokratie. Die Bedeutung der Kultur für eine offene Gesellschaft“ (Hoffmann und Campe), 256 S.

Brittany Kaiser, „Die Datendiktatur. Wie Wahlen manipuliert werden“ (Harper Collins), Übers. v. Bernhard Schmid, 352 S.

Henrik Müller, „Kurzschlusspolitik. Wie permanente Empörung unsere Demokratie zerstört“ (Piper), 256 S.